Mittwoch, 24. Februar 2016

Die hohe Kunst der Essstäbchen: Soba, Udon, chinesische Eiernudeln...

Wenn man Sushi mit Stäbchen essen kann und weiß, dass man letztere nicht senkrecht in den Reis stecken darf, heißt das noch lange nicht, dass man sich nun entspannt zurücklehnen kann ...
Dass auf einen asienunerfahrenen Europäer wie mich in puncto Essstäbchen noch viel mehr Fettnäpfchen lauern, hatte ich ja schon berichtet.
Seit letzter Woche weiß ich, dass auch das noch nicht das Ende der Fahnenstange war. Ich sage nur: Nudelsuppe.

Meine Tandempartnerin hatte für unser letztes Treffen einen kleinen Imbiss rausgesucht, der sich auf Soba (dicke spaghettiähnliche Buchweizennudeln, superlecker) spezialisiert hat, diese vor Ort frisch herstellt und in diversen Variationen (heiß und mit Brühe oder kalt und ohne Brühe, mit verschiedenen Beilagen) anbietet.
Das Ganze liegt etwas außerhalb des Stadtzentrums in einem Wohngebiet, hat nur ca. 10 Sitzplätze und wird in erster Linie von der lokalen Bevölkerung frequentiert - also quasi ein Geheimtipp. Bzw. stehen die Chancen nicht schlecht, dass ich der erste Westler bin, der diese heiligen Hallen betreten hat.
Ich war ziemlich durchgefroren und habe mich deshalb für die heiße Variante, also mit Brühe, entschieden. Ja, und dann saß ich mit meinen Stäbchen vor der riesigen dampfenden Schüssel, und los ging's:

Problem 1: Die Dinger sind sehr glitschig und schwer zu greifen. Aber, genauso wie bei Essbesteck, gilt es als Faux pas, wenn Essen wieder auf den Teller oder, noch schlimmer, mit unberechenbarem Spritzen zurück in die Suppenschüssel fällt. Hier ist also höchste Konzentration gefragt.

Problem 2: Wenn man irgendwann mal eine bis mehrere Nudeln im festen Stäbchengriff hat: Rollen oder Ähnliches wie mit Spaghetti geht nicht. Also steckt man die Enden der Nudeln in den Mund (und auch dabei ist höchste Konzentration gefordert, denn das ist wieder so ein kritischer Moment, wo sie runterflutschen können). Problem 2.1: Irgendwann bekommt man einen Krampf in den Händen.

Problem 3: So, und dann hat man die Dinger erfolgreich in den Mund bugsiert und sitzt da. Die Enden hängen raus - meistens bis zur Suppe runter, wo sie dann eine nicht abzusehende Anzahl weiterer Nudeln nach sich ziehen. So wie bei dem Uraltwitz von dem weißbärtigen Mann am Nebentisch, bei dem es sich in Wirklichkeit um Tante Erna handelt, die gerade Spaghetti isst. (Narrhallamarsch...)

Und jetzt? Es heißt ja immer, dass Suppe in Japan geschlürft wird und die dazugehörigen Nudeln geräuschvoll in den Mund geschaufelt werden. Die Geräuschkulisse um mich herum bestätigt das: Da wird geschlürft und geschmatzt, dass es eine Pracht ist.
Also habe ich die Soba-Nudeln durch Erzeugung eines Unterdrucks im Mund in selbigen gezogen. Was mir als die simpelste und reinlichste Methode erschien, dazu noch halbwegs unauffällig, da geräuscharm.

Meine Tandempartnerin hat irgendwann eine Bemerkung zu dieser meiner Strategie gemacht - und bei mir läuteten die Alarmglocken. Sie meinte zwar auf meine Rückfrage, es sei alles in Ordnung, aber mein Misstrauen war geweckt. Deshalb habe ich am nächsten Tag in der Schule meine Kolleg/innen gefragt und, als die es auch nicht wussten, unsere Lehrerin. Fumiko-sensei ist supernett und fachlich sehr kompetent, aber bei so komplexen Fragen wie dieser meinigen reicht ihr Englisch manchmal nicht, weshalb ich mein Anliegen mit verschiedenen pantomimischen Bewegungen unterstrich. Als sie sich von ihrem Lachanfall wieder beruhigt hatte, bestätigte Fumiko-sensei meinen Verdacht: Hochziehen geht gar nicht. Suppe schlürfen: ja, keuchendes Schmatzen: ja, Nudeln hochziehen: NEIN. Man muss die herabhängenden Nudeln vielmehr mit den Stäbchen ergreifen und "nachschieben".

Man fängt also wieder bei Problem 1) und 2) an. Außerdem kommt noch Problem 4) dazu: Die Augen sitzen am Kopf vorne, die Nudeln jedoch hängen nach unten, befinden sich also bei normaler Sitzhaltung außerhalb oder bestenfalls an der unteren Peripherie des Sehfeldes. Man muss also entweder blind nachgreifen (wenig erfolgreich), oder nach unten schielen (schon besser, wirkt aber komisch und sorgt auf Dauer für Augenschmerzen) oder den Kopf über die Schüssel halten (also, ich meine jetzt am Tisch. Über die Suppenschüssel).

Ich bin dann Ende letzter Woche mit einem meiner Mitschüler Essen gegangen, und wir haben ein Udon-Restaurant angesteuert. Udon sind lange Weizennudeln, etwa doppelt so dick wie Spaghetti. Wollte ich schon immer mal probieren. Außerdem musste ich üben.
Also: Udon geht gar nicht. Mehr als eine Nudel auf einmal fest ergreifen? Schwierig. Und dann zielsicher den Rest der Nudel mit den Stäbchen aus dem Unterkinnbereich in den Mund schieben? Noch schwieriger. Geschmacklich fand ich Udon auch nicht so besonders - aber das lag vielleicht am Restaurant und ist jetzt hier auch egal.

Jedenfalls habe ich heute einen neuen Anlauf gestartet. Ich war in der Stadt unterwegs und bin auf dem Rückweg noch in ein "chinesisches" Restaurant, eine dieser Ketten, die es hier überall gibt. Ich hatte mich für diese Lokalität entschieden, weil sie fast leer war, und mir auch gleich einen strategisch günstigen Platz in der Ecke ausgewählt. Das Essen war sehr lecker - ich hatte mich für Suppe mit chinesischen Eiernudeln, Shrimps und Gemüse entschieden, dazu Seidentofu in einer Art Braten-Pilz-Soße mit Reis als Beilage. Dabei hatte ich es natürlich vor allem auf die Nudelsuppe abgesehen. Und ich kann stolz vermelden: Es klappte, und wie! Diese Nudeln enthalten, wie meine nachträglichen Recherchen ergaben, viel Stärke, nehmen dadurch mehr Flüssigkeit in sich auf und - für mich relevanter - kleben besser aneinander und lassen sich auch leichter mit Stäbchen greifen. Also mein Tipp für alle, die sich in diese Kunst einarbeiten wollen: Beginnt mit chinesischen Eiernudeln!

Ich hatte das Gefühl, dass mich die Bedienung immer mal wieder beobachtet hat - man fällt hier als westlicher Ausländer eben doch auf. Und nach und nach füllte sich auch die Lokalität. Aber das machte mir nichts aus, denn ich kann ja jetzt sogar ganz normal Suppennudeln mit Stäbchen essen, also quasi so wie die Japaner. Und sonst wird man hier als Westler ständig von irgendwelchen Japanern gelobt, wenn man mit Stäbchen essen kann, als sei dies eine große Kunst. Hah! Nehmt dies!

Na ja, als ich dann fertig war und aufstand, die Souveränität in Person, bin ich erstmal voll mit dem Kopf an die über dem Tisch hängende Lampe geknallt. Man kann eben nicht alles haben ...



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